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Hunden wieder Raum, Selbstwirksamkeit und Kontrolle geben

29. Okt.
5 Min. Lesezeit

Demnächst werde ich ACE Freiarbeit bei Hundeschule und Mehr online und vor Ort anbieten. Mich überzeugt an diesem Ansatz, wie konsequent dieser das emotionale und körperliche Wohlbefinden des Hundes einbezieht. Er gibt uns die Möglichkeit, genauer hinzuschauen, Bedürfnisse zu berücksichtigen und dem Hund Raum zu geben, einen Prozess selbst mitzugestalten.


ACE steht für „Animal Centered Education“ und wurde von Sarah Fisher entwickelt. Es ist ein integrativer Ansatz für das Wohlbefinden und die Bildung von Tieren, der verschiedene Elemente miteinander verbindet. Besonders im Umgang mit Reaktivität eröffnet dieser Ansatz einen Blick auf das Zusammenspiel von Verhalten, Gefühlen, körperlichem Befinden und den Erfahrungen, die ein Hund selbst machen kann.


Ich spreche bewusst lieber von Reaktivität als von „reaktiven Hunden“. Wenn ein Hund in bestimmten Situationen stark reagiert, beschreibt das zunächst sein Verhalten in diesen Situationen. Ich möchte ihn damit nicht auf eine vermeintlich feste Charaktereigenschaft oder seine gesamte Persönlichkeit festlegen. Sein Verhalten ist auch eine Ausdrucksform seiner starken Gefühle. Manchmal beschreibt eine besondere Empfindlichkeit gegenüber etwas in seiner Umwelt oder gegenüber dem, was gerade in seinem Leben geschieht, die Situation treffender.


Um dieses Verhalten zu verstehen, müssen wir das emotionale und körperliche Wohlbefinden einbeziehen. Wie ein Hund sich fühlt, was in seinem Körper geschieht und wie er seine Umwelt erlebt, lässt sich nicht voneinander lösen. Deshalb gehört zur Begleitung von Verhalten immer auch der Blick darauf, wie es dem Hund insgesamt geht.

Reaktivität lässt sich dabei nicht auf einen einzigen Faktor reduzieren. In einer Begegnung spielt weit mehr eine Rolle als der andere Hund oder der Mensch, auf den reagiert wird. Die Vergangenheit des Hundes, sein körperlicher Zustand, seine Umgebung und der Mensch, der ihn begleitet, können gleichzeitig Einfluss nehmen. Sein Verhalten entsteht in diesem gesamten Zusammenhang.


Das verlangt von uns, langsamer zu werden und aufmerksam zu beobachten. Der Wunsch nach schnellen Veränderungen ist im Hundetraining oft groß. Dennoch brauchen wir Zeit, um zuzuhören und wahrzunehmen, was dieser einzelne Hund uns zeigt - möglichst ohne vorschnelle Bewertung oder feste Erwartungen.


Häufig gehen wir bereits mit einer Erklärung in eine Situation. Wir glauben zu wissen, warum ein Hund etwas tut. Dabei können unsere Annahmen stärker von unseren eigenen Vorstellungen geprägt sein als von dem, was bei ihm tatsächlich vor sich geht. Langsamer zu werden hilft uns, diese Annahmen zu überprüfen und genauer hinzusehen.

Gegenkonditionierung, Management und erlernte Bewältigungsstrategien bleiben dabei wertvolle Ansätze. Sie haben unterschiedliche Aufgaben und können sich ergänzen. Gleichzeitig lohnt es sich, ihre jeweiligen Voraussetzungen und Grenzen zu betrachten.

Bei der Gegenkonditionierung soll sich die Verknüpfung mit einem Auslöser verändern. Etwas, das eine starke Reaktion hervorruft, wird mit etwas besonders Angenehmem verbunden. Dieses Verfahren funktioniert. Seine Anwendung im Alltag kann jedoch anspruchsvoll sein.


Zunächst spielt der Zustand des Hundes eine Rolle. Befindet sich sein Nervensystem im Kampf- oder Fluchtmodus, steht für ihn der Schutz im Vordergrund. Die Voraussetzungen, Neues aufzunehmen, sind dann ungünstig. Gegenkonditionierung kann unter diesen Bedingungen weniger wirksam sein. Deshalb ist die Frage wichtig, ob der Hund überhaupt bereit für das ist, was wir ihm gerade anbieten.

Auch das Timing muss stimmen. Der Auslöser soll etwas Großartiges ankündigen. Wird die Reihenfolge versehentlich vertauscht, kann das eigentlich Angenehme stattdessen zum Hinweis auf den Auslöser werden.


Hinzu kommt die Unvorhersehbarkeit des Alltags: Ein anderer Hund erscheint plötzlich um die Ecke. Während die Bezugsperson noch nach dem Futter sucht, ist der passende Moment bereits vorbei. Für eine beständige Verknüpfung wäre es ideal, wenn auf jede Wahrnehmung des Auslösers zuverlässig etwas Großartiges folgt. Das verlangt viel Aufmerksamkeit und präzises Timing und lässt sich in unerwarteten Situationen schwer umsetzen.


Management ist für mich ein wichtiger Bestandteil der Begleitung. Es dient zunächst dazu, den Hund zu schützen und für Sicherheit zu sorgen. Wenn wir gut damit umgehen, was unserem Hund begegnet und widerfährt, kann das auch sein Vertrauen in uns stärken.

Eine Veränderung seines emotionalen Zustands kann sich dadurch möglicherweise mit der Zeit ergeben. Sie ist jedoch nicht zwangsläufig die Folge. Der unmittelbare Zweck des Managements bleibt die Sicherheit des Hundes.


Auch Bewältigungsstrategien können im Alltag sehr hilfreich und häufig erforderlich sein. Dazu gehören beispielsweise Pattern Games oder gelernte Verhaltensweisen wie „Schau mich an“, „Schau dir das an“ und ein Handtouch. Solche Ansätze können Selbstvertrauen stärken und positive Verknüpfungen aufbauen. Die Übergänge zwischen den verschiedenen Vorgehensweisen sind dabei fließend.


Trotzdem müssen wir aufmerksam bleiben: Ein Hund kann ein Verhalten sehr gut gelernt haben und es auch dann zuverlässig ausführen, wenn er sich in der Situation unwohl fühlt. Vielleicht schaut er seinen Menschen an oder berührt dessen Hand, obwohl sein emotionaler Zustand weiterhin unangenehm ist.


Eine zuverlässig ausgeführte Aufgabe beantwortet deshalb noch nicht die Frage, wie sich der Hund dabei fühlt. Bei ungünstiger Anwendung können Bewältigungsstrategien seine Emotionen verdecken. Für mich gehört deshalb beides zusammen: wahrzunehmen, was der Hund tut, und aufmerksam dafür zu bleiben, wie es ihm währenddessen geht.

Ich möchte diese Methoden weiterhin nutzen und empfehlen. ACE ergänzt sie um einen Prozess, in dem der Hund selbst eine entscheidende Rolle übernimmt.


Das Prinzip, Verknüpfungen mit etwas Angenehmem und Sicherheit Vermittelndem entstehen zu lassen, findet sich auch in ACE. Der wichtige Unterschied liegt darin, dass der Prozess vom Hund geleitet wird. Die Verknüpfungen entstehen durch das, was er selbst tut.

Sarah Fisher sprach in diesem Zusammenhang von „rewarding education“ statt von „reward-based training“: von einer für den Hund lohnenden, bereichernden Bildung statt von belohnungsbasiertem Training.


Im Training treffen wir viele Entscheidungen für unsere Hunde. Wir wählen aus, welche Leckerchen sie bekommen, was wir ihnen beibringen und welche Verhaltensweisen wir für hilfreich halten. Dabei gehen wir von unserer Einschätzung dessen aus, was ihnen gefällt und guttut.


Eine Bildung, die den Hund in den Mittelpunkt stellt, lässt ihn selbst entdecken, was für ihn bedeutsam ist. Er erkundet, untersucht und findet Dinge heraus. Wir beobachten ihn dabei und nehmen diese Erkenntnisse mit. So können wir auf das zurückgreifen, was der Hund selbst bereits als bedeutsam erkannt hat.


Zu diesem Prozess gehören Wahlmöglichkeiten und die Freiheit, sich zu bewegen. Der Hund kann den Ablauf mitgestalten und mitteilen, wann etwas beendet werden soll. Gleichzeitig können wir ihm Vorhersehbarkeit und Unterstützung geben.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Selbstregulation. Hunde brauchen Möglichkeiten, sich selbst zu beruhigen. ACE gibt ihnen Raum herauszufinden, was für sie persönlich beruhigend ist. Wir können dabei lernen, genauer wahrzunehmen, was ihnen hilft.

Auch die sensorische Integration gehört dazu: die Verarbeitung und Zusammenführung all der Informationen, die über die verschiedenen Sinne im Nervensystem ankommen. ACE bezieht diesen Prozess mit ein und unterstützt den Hund dabei, diese Sinnesinformationen zu verarbeiten.


Dabei bleiben seine Bedürfnisse und sein körperliches Wohlbefinden im Blick. Auch das Hinwirken auf Schmerzfreiheit ist dabei ein wichtiger Aspekt. Es geht darum, dem Hund zu helfen, überhaupt in einen Zustand zu kommen, in dem er bereit für weitere Erfahrungen und Lernen ist.


Genau darin liegt für mich der Grund, ACE künftig online und vor Ort anzubieten. Ich möchte mit euch genauer beobachten, die Bedürfnisse eurer Hunde besser verstehen und kennenlernen, was für sie selbst bedeutsam und beruhigend ist.


In meinen kommenden ACE-Angeboten möchte ich diesem Prozess Raum geben: mit Zeit zum Beobachten, Unterstützung und Vorhersehbarkeit sowie Wahlmöglichkeiten für den Hund. Ich freue mich darauf, diesen Weg mit euch und euren Hunden zu gehen.


Hier seht ihr Janne und Ennah bei der Freiarbeit.



 
 
 

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