top of page

Ressourcenverteidigung: Angst vor Verlust oder Schutz von Kontrolle?

29. Sept.
4 Min. Lesezeit

Bei Ressourcenverteidigung wird häufig gesagt, der Hund habe „Angst, dass ihm etwas weggenommen wird“. Die neue Arbeit von Wilson, Soulsbury und Mills betrachtet diese Erklärung differenzierter.


Nach ihrer Definition bezieht sich Angst auf die erwartete körperliche Schädigung des eigenen Individuums. Wenn ein Hund dagegen befürchtet, den Zugang zu Futter, einem Liegeplatz, einem Gegenstand oder einer anderen wichtigen Ressource zu verlieren, ist zunächst nicht sein Körper bedroht, sondern seine Möglichkeit, über diese Ressource zu verfügen.


Die Autor ordnen die emotionale Grundlage der Ressourcenverteidigung deshalb eher der Frustration zu.


Frustration entsteht nach ihrem Modell, wenn ein Hund eine motivierte Handlung nicht ausführen kann oder die Kontrolle über eine wichtige Ressource beziehungsweise seine Umwelt bedroht ist. Der Hund möchte etwas behalten, erreichen, nutzen oder schützen. Die Annäherung eines anderen Lebewesens kann ankündigen, dass genau diese Handlung gleich verhindert wird.


Die Funktion der Frustration besteht dann darin, den Hund zu mobilisieren, damit er seine Kontrolle zurückgewinnen kann.



Die Ressource muss noch nicht weggenommen worden sein

Frustration entsteht nicht erst in dem Moment, in dem jemand dem Hund tatsächlich etwas wegnimmt. Bereits die Annäherung einer Person oder eines anderen Hundes kann eine entsprechende Erwartung auslösen:

„Wenn du näher kommst, kann ich möglicherweise nicht mehr über diese Ressource verfügen.“

Der Hund kann darauf reagieren, indem er:

  • sich über die Ressource beugt,

  • sie wegträgt,

  • schneller frisst,

  • den Körper anspannt,

  • den Blick fixiert,

  • erstarrt,

  • knurrt,

  • die Zähne zeigt,

  • oder sein Gegenüber körperlich auf Abstand bringt.


Diese Verhaltensweisen sind nicht die Emotion selbst. Sie sind unterschiedliche Strategien, mit denen der Hund versucht, den Zugang zu seiner Ressource zu sichern.

Auch das Knurren ist dabei keine Unart, sondern eine wertvolle Mitteilung:

„Deine Annäherung gefährdet gerade meine Kontrolle. Bitte bleib auf Abstand.“

Der Wert einer Ressource ist nicht immer gleich

Wie wichtig eine Ressource für den Hund ist, hängt nach Ansicht der Autor von mehreren Faktoren ab. Dazu gehören beispielsweise:


  • das aktuelle Bedürfnis,

  • die Verfügbarkeit ähnlicher Ressourcen,

  • vorausgegangene Erfahrungen mit Verlust,

  • die Anstrengung, mit der die Ressource erworben wurde,

  • mögliche Konkurrenz,

  • und die Beziehung zu der Person oder dem Tier, das sich nähert.


Ein hungriger Hund kann Futter stärker verteidigen als ein satter Hund. Ein Gegenstand kann wertvoller werden, wenn er selten verfügbar ist oder dem Hund in der Vergangenheit häufig abgenommen wurde. Auch eine sichere Liegestelle kann besonders wichtig werden, wenn der Hund nur wenige ungestörte Rückzugsmöglichkeiten besitzt.

Ressourcenverteidigung erzählt uns deshalb nicht, dass ein Hund dominant, gierig oder ungehorsam ist. Sie erzählt uns zunächst, dass diese Ressource und die Kontrolle darüber für ihn von Bedeutung sind.



Angst kann trotzdem hinzukommen

Die Einordnung als Frustration bedeutet nicht, dass Angst bei Ressourcenverteidigung niemals beteiligt ist.

Wenn ein Mensch den Hund bedrängt, ihn körperlich bedroht, nach ihm greift oder ihn für sein Knurren bestraft, kann aus der Bedrohung der Ressource zusätzlich eine Bedrohung der eigenen körperlichen Sicherheit werden.

Dann können beide Emotionen gleichzeitig auftreten:


  • Frustration, weil die Kontrolle über die Ressource gefährdet ist,

  • Angst, weil der Hund mit körperlicher Bedrängung oder einer unangenehmen Konsequenz rechnet.


Das erklärt auch, warum konfrontative Maßnahmen die Situation häufig verschlimmern. Der Hund verliert nicht nur seine Ressource und damit Kontrolle, sondern lernt möglicherweise zusätzlich, dass die Annäherung eines Menschen gefährlich ist.


Frustration ist hier kein Fehlverhalten

Der besondere Wert des neuen Modells liegt darin, dass Frustration nicht als Charakterschwäche oder mangelnde Selbstbeherrschung betrachtet wird. Sie ist zunächst eine funktionale emotionale Antwort auf eine bedrohte Handlungsmöglichkeit.

Die Frage sollte deshalb nicht lauten:

„Wie bringe ich dem Hund bei, dass er sich alles wegnehmen lassen muss?“

Sondern:

„Wie können wir seine Sicherheit und Kontrolle so gestalten, dass er seine Ressource nicht verteidigen muss?“

Das bedeutet nicht, dass ein Hund grundsätzlich jeden Gegenstand behalten darf. Gefährliche Dinge müssen ihm notfalls abgenommen werden können. Dies sollte jedoch durch vorausschauendes Management und freiwillig aufgebauten Tausch vorbereitet werden – nicht durch wiederholtes Provozieren einer Verteidigungssituation.

Was folgt daraus für den Umgang?


Ein hilfreicher Umgang kann bedeuten:

  • den Hund an einem ungestörten Ort fressen zu lassen,

  • Kinder und andere Tiere von wichtigen Ressourcen fernzuhalten,

  • nicht prüfend in den Napf zu greifen,

  • Gegenstände nicht grundlos wegzunehmen,

  • Annäherung zunächst mit dem Hinzufügen von etwas Gutem zu verbinden,

  • einen freiwilligen Tausch kleinschrittig außerhalb konfliktreicher Situationen aufzubauen,

  • dem Hund sichere Gegenstände nach Möglichkeit zurückzugeben,

  • Rückzugsmöglichkeiten zu schaffen,

  • und Warnsignale niemals zu bestrafen.


Wichtig ist, dass ein Tausch tatsächlich freiwillig bleibt. Wird der Hund mit Futter vom Gegenstand weggelockt und verliert ihn anschließend jedes Mal, kann auch das angebotene Futter irgendwann ankündigen: „Gleich wird mir etwas weggenommen.“


Kontrolle zurückzugeben kann das Problem verändern

Wenn der Hund lernt, dass die Annäherung eines Menschen nicht automatisch Verlust bedeutet, muss er seine Ressource weniger stark absichern. Er kann erleben:

„Meine Signale werden gehört. Menschen nehmen mir nicht willkürlich etwas weg. Ich kann Abstand wählen. Ein Tausch lohnt sich – und manchmal bekomme ich meinen Gegenstand zurück.“

Damit wird nicht das Knurren unterdrückt. Stattdessen verändert sich die Erwartung, aus der das Knurren entstanden ist.

Die Studie hat solche Trainingsmaßnahmen nicht experimentell miteinander verglichen. Sie bietet jedoch einen wichtigen neuen Blickwinkel: Ressourcenverteidigung ist möglicherweise nicht in erster Linie die Angst vor einem abstrakten Verlust, sondern eine funktionale Reaktion auf die Bedrohung von Kontrolle, Handlungsmöglichkeit und Zugang zu etwas Wertvollem.


Und genau dort sollte unsere Unterstützung ansetzen.


Wilson, B. M., Soulsbury, C. D. & Mills, D. S. (2026). Development of a psychobiological nosology for fear and frustration in clinical animal behavior using dogs as a model species. Frontiers in Psychology, 17, 1888439.https://doi.org/10.3389/fpsyg.2026.1888439

 
 
 

Kommentare


Hundeschule und Mehr

Gelände:
Aachener Str. 1413
50859 Köln-Weiden

Büro:
Neusser Str. 9
50189 Elsdorf

Tel.: 02274/8299516
Mobil: 0177/6003357
Kontaktanfrage per mail

 

  • Youtube
  • TikTok
  • Facebook
  • Instagram
Mitglied IAABC
Vdtt Mitglied
Tierpsychologe ATN
bottom of page