Der Hund hinter dem Verhalten
Hunde ganzheitlich sehen, weil sie nun mal ein Ganzes sind.
Lerntheorie ist eine wichtige Grundlage meiner Arbeit. Sie allein reicht aber nicht aus, um einen Hund und sein Verhalten zu verstehen. Gesundheit, Gefühle, Erfahrungen, Bedürfnisse und Lebensbedingungen gehören ebenso dazu.
Ganzheitlich bedeutet für mich, diese Zusammenhänge systematisch zu berücksichtigen. Wir schauen, unter welchen Bedingungen Verhalten entsteht, was es für den Hund bewirkt und welche Veränderungen seinen Alltag tatsächlich verbessern.
Verhalten verstehen setzt genaue Beobachtung voraus.
Ein Hund, der bellt, ausweicht, knurrt oder nicht auf ein Signal reagiert, liefert uns zunächst Informationen. Die Erklärung ergibt sich nicht aus dem Verhalten allein. Wir müssen die Situation, seine Körpersprache, seine Lerngeschichte und mögliche körperliche Beschwerden einbeziehen.
Ich beobachte deshalb Haltung, Bewegung, Blick, Annäherung und Rückzug im Zusammenhang. Einzelne Signale sind keine eindeutige Übersetzung seiner Gefühle. Eine Vermutung bleibt eine Vermutung, bis weitere Beobachtungen sie stützen.
Diese fachliche Zurückhaltung ist für mich auch Demut gegenüber dem Wesen Hund: Ich kann etwas übersehen oder falsch einschätzen. Gute Arbeit bedeutet, die eigene Erklärung zu überprüfen und das Vorgehen anzupassen. Dazu gehört ein Miteinander, in dem die Kommunikation des Hundes Konsequenzen hat. Sucht er Abstand, müssen wir das wahrnehmen und angemessen darauf reagieren.
Dominanztheorien sind keine Grundlage meiner Arbeit.
Ich lehne sämtliche Trainingskonzepte ab, die das Zusammenleben von Mensch und Hund als Rangordnung organisieren und Unterordnung zum Erziehungsziel machen. Das gilt auch, wenn dieselben Vorstellungen als „Führung“, „Respekt“, „Raumverwaltung“ oder „klare Energie“ bezeichnet werden. Entscheidend ist, was mit dem Hund geschieht und womit es begründet wird.
Dominanz ist in der Verhaltensbiologie ein Begriff zur Beschreibung bestimmter sozialer Beziehungen. Daraus lässt sich weder ein allgemeiner Charaktertyp „dominanter Hund“ ableiten noch die Forderung, Menschen müssten ihren Hund durch Rangdemonstrationen erziehen. Leineziehen, Knurren oder ein Platz auf dem Sofa belegen keinen Machtanspruch gegenüber Menschen.
Wer Verhalten pauschal als Rangordnungsproblem erklärt, überspringt die notwendige Analyse. Angst, Unsicherheit, Schmerzen, Frustration, Lernerfahrungen und die aktuelle Situation müssen geprüft werden. Die tierärztliche Fachgesellschaft AVSAB warnt ausdrücklich vor der Anwendung von Dominanztheorien und konfrontativen Methoden in der Verhaltensarbeit.
Ich arbeite daher nicht mit Einschüchterung, körperlichem Bedrängen, absichtlichem Wegdrängen zur Rangdemonstration, Fixieren oder erzwungener Unterwerfung. Auch ein leise ausgeübter Druck kann einschüchternd sein. Die Lautstärke entscheidet nicht darüber, wie der Hund den Umgang erlebt.
Wirksamkeit allein ist kein ausreichendes Qualitätsmerkmal.
Ein Verfahren kann Verhalten unterdrücken und gleichzeitig Angst oder Stress verstärken. Dass ein Hund still wird oder nicht mehr widerspricht, belegt deshalb noch keine Entspannung.
Eine Untersuchung von Vieira de Castro und ihrem Team fand bei Hunden aus überwiegend aversiv arbeitenden Hundeschulen mehr stressbezogenes Verhalten und stärkere Cortisolanstiege nach dem Training als bei belohnungsbasiert trainierten Hunden. Auch außerhalb des Trainings zeigten sich Unterschiede in einem Test zur Erwartungshaltung. Solche Befunde sprechen dafür, den Erfolg einer Methode immer zusammen mit ihren Auswirkungen auf das Wohlbefinden zu beurteilen.
Wir brauchen konkrete Ziele: Kann der Hund eine Situation besser bewältigen? Erholt er sich leichter? Kann er passende Alternativen nutzen? Und gelingt der Alltag für Mensch und Hund sicherer und verlässlicher?
Wohlbefinden braucht passende Lebensbedingungen.
Deshalb berücksichtige ich in der Arbeit unter anderem:
Gesundheit: Hinweise auf Schmerzen oder andere Beschwerden gehören in die tierärztliche Abklärung.
Schlaf und Erholung: Der Hund braucht geeignete Rückzugsorte und ausreichend Gelegenheit, ungestört zu ruhen.
Bewegung und Versorgung: Bewegung, Ernährung und Umgebung müssen zu seinem Körper, seinem Alter und seinen individuellen Bedürfnissen passen.
Eigene Interessen: Schnüffeln, Erkunden, Suchen, Spielen, Kauen oder Graben brauchen einen passenden Platz im Alltag.
Soziale Beziehungen: Angenehme Kontakte und die Möglichkeit, Nähe zu suchen oder Abstand zu nehmen, gehören dazu.
Vorhersagbarkeit und Einfluss: Verständliche Abläufe, Pausen und echte Wahlmöglichkeiten helfen uns, Situationen angemessen zu gestalten.
Wir betrachten die Bilanz des Wohlbefindens im Alltag: Welche Belastungen erlebt dieser Hund? Welche Möglichkeiten zur Erholung und zu angenehmen, selbst gewählten Aktivitäten stehen ihnen gegenüber? Dabei geht es nicht um einen starren Beschäftigungsplan. Entscheidend ist, was dem einzelnen Hund fehlt und was ihm nach unseren Beobachtungen guttut.
ACE macht Beobachtung und Wahlmöglichkeiten praktisch umsetzbar.
ACE steht für Animal Centred Education und wurde von Sarah Fisher entwickelt. Ein zentraler Bestandteil ist ACE Free Work: Der Hund erkundet eine vorbereitete Umgebung mit unterschiedlichen, gut zugänglichen Angeboten. Dazu können rutschfeste Unterlagen, verschiedene Oberflächen, Futterangebote in passenden Höhen und Wasser gehören.
Er bestimmt Reihenfolge und Tempo und kann Angebote auslassen oder pausieren. Ich locke ihn nicht durch etwas hindurch, das er meiden möchte. Währenddessen beobachte ich seine Bewegungen, Körperhaltung, Vorlieben und Veränderungen im Verhalten.
Diese Beobachtungen helfen, Anforderungen und Umgebung anzupassen. Sie können auch Anlass für eine fachliche Abklärung geben, ersetzen aber keine Diagnose. ACE nutze ich als praktischen Ansatz für Beobachtung, passende Beschäftigung und freiwilliges Erkunden. Daraus leite ich kein pauschales Versprechen ab, ein Nervensystem zu „regulieren“ oder Trauma zu behandeln.
Selbstwirksamkeit wird dabei konkret: Der Hund erlebt, dass sein Verhalten Einfluss auf den Ablauf hat. Wenn er eine Pause braucht oder Abstand sucht, berücksichtigen wir das. Seine Kommunikation wird nicht erst dann relevant, wenn er sich deutlich wehren muss.
Auch unser Umgang gehört zu den Bedingungen.
Tonfall, Bewegungen, Nähe und die Vorhersagbarkeit unseres Verhaltens können beeinflussen, wie ein Hund eine Situation erlebt. Experimentelle Forschung zeigt zudem, dass menschlicher Stressgeruch das Verhalten von Hunden in einem Entscheidungstest verändern kann. Das bedeutet nicht, dass jede menschliche Stimmung unverändert auf einen Hund übergeht oder Menschen an seinen Schwierigkeiten schuld sind.
Es bedeutet aber, dass wir unseren Umgang einbeziehen müssen. Ständiges Korrigieren, Bedrängen und unnötiges Einschränken lassen sich nicht durch einzelne freundliche Trainingsmomente ausgleichen. Wer Sicherheit fördern möchte, muss sie auch im alltäglichen Miteinander ermöglichen.
Dafür müsst ihr nicht jederzeit gelassen sein. Wir suchen ebenso nach Entlastung für euch. Erforderlich ist die Bereitschaft, das eigene Verhalten zu prüfen und belastende Muster zu verändern.
Verantwortung heißt, Sicherheit herzustellen und Lernen zu ermöglichen.
Natürlich müssen wir Gefahren verhindern und andere Menschen und Tiere schützen. Dazu gehören vorausschauende Planung, passende Abstände, Leinen oder räumliche Trennung, wenn sie notwendig sind. Solche Maßnahmen brauchen einen konkreten Sicherheitsgrund. Sie dienen nicht dazu, dem Hund einen vermeintlich niedrigeren Rang zuzuweisen.
Innerhalb dieses Rahmens vermitteln wir verständliche Signale, üben alltagstaugliches Verhalten und schaffen möglichst viele angemessene Entscheidungsmöglichkeiten. Wie viel Unterstützung ein Hund braucht, richtet sich nach seiner Situation und seinen Fähigkeiten.
Zusammenarbeit braucht fachliche und persönliche Verbindlichkeit.
Ich arbeite mit Menschen, die bereit sind, die Bedürfnisse und Grenzen ihres Hundes ernst zu nehmen und den eigenen Umgang zu hinterfragen. Dazu gehört, notwendige gesundheitliche Abklärungen zu ermöglichen und medizinische Fragen mit der behandelnden Praxis zu klären.
Wer an Einschüchterung, erzwungener Unterordnung oder ständigem Druck festhalten möchte, findet bei mir keine passende Begleitung. Das gilt ebenso, wenn notwendige gesundheitliche Abklärung und Versorgung abgelehnt werden.
Perfektion ist keine Voraussetzung. Lernbereitschaft und die Bereitschaft zur Veränderung sind es. Mein Anspruch bei Hundeschule und Mehr ist eine nachvollziehbare, überprüfbare Arbeit, die Verhalten verbessert und dabei die Gesundheit und das Wohlbefinden des Hundes berücksichtigt.
Ich freue mich über Anfragen von Menschen, die diesen Blick auf Hunde teilen und sich eine fachliche Begleitung auf dieser Grundlage wünschen.
Andrea Jumpertz
Quellen und fachliche Grundlagen
Wissenschaftliche Untersuchungen und fachliche Stellungnahmen:
Varnon, C. A., Kalafut, K. L. & Feuerbacher, E. N. (2026): Animals in Behavior Analysis: Considerations for Effective and Ethical Research, Teaching, and Practice. Behavior Analysis in Practice. Übersichts- und Positionspapier zu fachlicher Kompetenz und ethischer Arbeit mit Tieren.
American Veterinary Society of Animal Behavior (AVSAB): Position Statement on the Use of Dominance Theory in Behavior Modification of Animals. Fachliche Stellungnahme zur Verwendung von Dominanztheorien im Training.
Vieira de Castro, A. C. et al. (2020): Does training method matter? Evidence for the negative impact of aversive-based methods on companion dog welfare. PLOS ONE, 15(12), e0225023. Vergleichende Untersuchung zu Trainingsmethoden und Wohlbefinden; keine zufällige Zuteilung zu den Trainingsgruppen.
Parr-Cortes, Z. et al. (2024): The odour of an unfamiliar stressed or relaxed person affects dogs’ responses to a cognitive bias test. Scientific Reports, 14, 15843. Experimentelle Untersuchung zum Einfluss menschlichen Stressgeruchs auf das Verhalten von Hunden in einem Entscheidungstest.





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