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Wenn Eigenständigkeit von Hunden zum Problem erklärt wird


Wie Erwartungen an Hunde Beziehung untergraben können

Mein Standpunkt zum heutigen Hundetraining beginnt mit einer Beobachtung, die mir im Alltag immer wieder begegnet: Die Vorstellung davon, was ein „funktionierender Hund“ ist, ist sehr eng geworden. Ein guter Hund soll jederzeit verfügbar sein, aufmerksam bleiben, sich stark am Menschen orientieren, prompt reagieren und möglichst wenig eigene Impulse zeigen. Weicht ein Hund davon ab, wird das schnell als Problem bewertet.


Dabei wird oft übersehen, dass Hunde eigenständige Lebewesen sind. Sie nehmen wahr, sie fühlen, sie lernen – und sie handeln. Ein Hund, der zögert, eigene Ideen zeigt oder nicht sofort reagiert, ist nicht automatisch unwillig oder schlecht erzogen.

Häufig zeigt er damit, dass ihm Informationen fehlen, dass etwas zu viel ist oder dass er sich gerade unsicher fühlt. Diese Signale sind kein Fehlverhalten, sondern wichtige Rückmeldungen, auf die vom Mensch einzugehen ist, um eine auf Vertrauen basierende Beziehung zum Hund aufzubauen.


Training funktioniert – der Alltag nicht, weil die Beziehung instabil ist

Ein typisches Beispiel dafür sehe ich immer wieder im Alltag: Ein Hund kann „Sitz“, „Platz“, „Bleib“ zuverlässig ausführen. Im Alltag aber bleibt er stehen, wenn etwas Neues auftaucht: ein ungewohnter Gegenstand, ein fremder Mensch, eine neue Umgebung. Der Mensch gibt Signale, der Hund reagiert verzögert oder gar nicht.

Das wird als Ungehorsam bewertet. Die Signale werden lauter, schneller, strenger. Der Hund hat gelernt, auf bekannte Signale zu reagieren – aber nicht, sich in unsicheren Situationen am Menschen zu orientieren. Beziehung wurde nicht aufgebaut, sondern vorausgesetzt. Der Hund weiß was er tun soll, aber nicht wann er Hilfe bekommt.


Auch Korrekturen sind nicht der Beziehung nicht förderlich

Problematisch wird es auch dort, wo Training auf Korrekturen reduziert wird.

Ein Hund zieht an der Leine, wird dafür immer wieder geblockt oder erschreckt. Nach kurzer Zeit zieht er nicht mehr. Nach außen wirkt das unproblematisch. Tatsächlich traut sich der Hund oft schlicht nicht mehr, seine Aufregung zu zeigen. Er hat gelernt, dass seine Emotionen unerwünscht sind.

Ein häufiges Gegenargument ist: „Mein Hund läuft ja nicht vor mir weg, also kann es nicht schlimm sein.“ Doch Beziehung zeigt sich nicht daran, ob ein Hund bleibt, sondern daran, ob er sich sicher genug fühlt, Emotionen zu zeigen. Ein Hund, der seine Aufregung unterdrückt, ist nicht automatisch entspannt.

Ein ziehender Hund ist meist aufgeregt, überfordert oder unsicher. Er braucht Orientierung und Unterstützung – keine Unterbrechung seiner Gefühle. Wenn Emotionen nicht gezeigt werden dürfen, wird Beziehung schwerer. Vertrauen entsteht dort, wo ein Hund sich zeigen darf, nicht dort, wo er sich zurücknimmt. Es gilt das gleiche Prinzip.


Es geht nicht um Methoden sondern einfach darum als Hund gesehen werden

Sicherheit entsteht nicht durch klare Kommandos und auch nicht durch konsequente Korrekturen. Sicherheit entsteht dort, wo der Hund erlebt: Ich werde gesehen. Meine Signale haben Bedeutung. Ich bekomme Unterstützung, wenn ich überfordert bin.


Fehlt diese Sicherheit, muss der Hund andere Strategien entwickeln, um mit dem Leben klarzukommen. Das Problem zeigt sich dabei oft zeitversetzt. Viele Hunde, die so erzogen werden, funktionieren zunächst hervorragend. Sie fallen nicht auf, gelten als brav und gut kontrollierbar.


Später zeigen sich jedoch an anderer Stelle Schwierigkeiten: Geräuschängste, Unsicherheiten gegenüber fremden Menschen, Stressverhalten oder plötzliche Reaktivität. Häufig heißt es dann: „Das kam aus dem Nichts. “In Wirklichkeit hat der Hund lange kompensiert. Er hat funktioniert, ohne sich sicher zu fühlen.


Lernen ist immer Kontextlernen - die Gefahr bei einseitigem Training ohne Feedback

Hunde lernen nie isoliert. Sie lernen immer im Zusammenhang – mit dem Ort, der Situation, dem Menschen und dem Gefühl, das sie dabei erleben. Verhalten wird nicht neutral abgespeichert, sondern immer gemeinsam mit Emotionen. Was Sicherheit vermittelt, wird anders gelernt als das, was Stress oder Unsicherheit auslöst.

Macht ein Hund in einem bestimmten Umfeld wiederholt unangenehme Erfahrungen, lernt nicht nur sein Denken, sondern sein Körper. Das Nervensystem merkt sich: Hier ist Vorsicht angebracht. Taucht dieser Kontext später wieder auf, setzt diese Reaktion automatisch ein – oft bevor der Hund bewusst wahrnehmen kann, was gerade passiert.

In diesem Zustand kann der Hund nicht mehr frei entscheiden oder flexibel reagieren. Sein Körper ist auf Schutz eingestellt. Neugier, Lernbereitschaft und Orientierung treten in den Hintergrund. Das ist kein Ungehorsam, sondern eine natürliche Reaktion auf frühere Erfahrungen.

Genau deshalb ist es entscheidend, wie sich Training anfühlt. Sicherheit entsteht dort, wo der Hund im jeweiligen Kontext wiederholt erlebt, dass Beziehung trägt, Reaktionen vorhersehbar sind und Unterstützung verlässlich bleibt. Erst dann kann das Nervensystem umlernen – und Raum für echtes Lernen und tragfähige Beziehung entstehen.


Echte Beziehung braucht Gegenseitigkeit

Beziehung entsteht dort, wo ein Hund sich in seinen Emotionen gesehen fühlt. Nicht nur dann, wenn er „brav“ ist oder etwas richtig macht, sondern gerade dann, wenn er aufgeregt, unsicher oder überfordert ist. Bevor wir mit Training beginnen, braucht es deshalb etwas Grundlegenderes: Wir müssen lernen, Hunde zu beobachten, zu lesen und ernst zu nehmen.

Hunde kommunizieren ständig. Sie zeigen uns, wie es ihnen geht, lange bevor Verhalten „problematisch“ wird. Wer diese Signale übergeht und direkt mit Training oder Korrekturen beginnt, verpasst die eigentliche Grundlage für Lernen. Verständnis kommt vor Methode.

Training kann nur dann wirklich tragen, wenn es auf gegenseitiger Kommunikation beruht. Das bedeutet, dass nicht nur der Mensch vorgibt, sondern dass der Hund reagieren darf. Er darf zögern, ausprobieren, eigene Lösungen anbieten und auch zeigen, wenn etwas zu viel ist. Diese Reaktionen sind kein Hindernis, sondern Teil des Lernprozesses.

Dort, wo Hunde sich gesehen und verstanden fühlen, entsteht Motivation von innen heraus. Der Hund arbeitet nicht aus Angst vor Konsequenzen oder aus reiner Anpassung, sondern weil er sich sicher fühlt und Orientierung erlebt. Training wird dann nicht zur Pflicht, sondern zu Zusammenarbeit. Und genau dort beginnt Lernen, das im Alltag wirklich trägt.


Nur dort, wo ein Hund in seinen Emotionen gesehen wird und antworten darf, entsteht echte Beziehung.


Andrea Jumpertz


 
 
 

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