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Teil 2: Leinenreaktivität aus Frust: Warum Bedürfnisbefriedigung an erster Stelle stehen muss


Nicht immer steckt Unsicherheit dahinter

Wenn ein Hund an der Leine so richtig durchdreht, weil er andere Hunde sieht, wird oft mal an Unsicherheit gedacht. Das kann natürlich sein. Aber es ist nicht immer so.

Gerade deshalb ist es wichtig, genau zu unterscheiden: Reagiert der Hund, weil er Abstand braucht? Oder überreagiert er, weil er unbedingt hinmöchte, weil er seine Unzufriedenheit und unerfüllte Bedürfnisse mit einem Gefühl von Rausch unterdrücken will.


Bei Leinenreaktivität aus Frust steht häufig nicht Angst im Vordergrund, sondern ein unerfülltes Bedürfnis. Der Hund sieht einen anderen Hund und der Körper geht sofort in Erwartung: Da will ich hin. Da passiert etwas. Da kann ich rennen, spielen, rempeln, und vor allen Dingen mich entladen. Es wirkt wie eine Sucht. Soziales Spiel ist das nicht.


Nicht jedes Toben ist gutes Sozialverhalten

Ein weiterer wichtiger Punkt wird oft übersehen: Viele Hunde haben unbefriedigte Bedürfnisse. Sie haben zu wenig echte Erholung, zu wenig passende Beschäftigung, zu wenig freie Bewegung, zu wenig Sicherheit oder zu wenig Möglichkeiten, sich in ihrem Tempo mit der Umwelt auseinanderzusetzen.


Manche Hunde haben gelernt, dieses innere Ungleichgewicht über andere Hunde zu regulieren. Sie stürzen sich in wilde Spielkontakte, rennen, rempeln, jagen, überschlagen sich vor Erregung und wirken danach scheinbar zufriedener. Für den Menschen sieht das oft nach gelungener Auslastung oder Sozialkontakt aus. Tatsächlich kann es aber auch ein Abreagieren sein.


Das bedeutet nicht, dass Spiel schlecht ist. Hunde dürfen spielen, rennen und Freude an Bewegung haben. Aber nicht jedes wilde Toben ist automatisch gutes Spiel, und nicht jede Erschöpfung danach bedeutet, dass ein Bedürfnis sinnvoll erfüllt wurde.


Gerade bei Hunden, die ohnehin schnell hochfahren, kann ständiges wildes Toben die Erregung eher trainieren als regulieren. Der Hund lernt dann: Andere Hunde sind der Ort, an dem ich mich entlade.


Das kann Begegnungen schwieriger machen, weil andere Hunde immer stärker mit Aufregung, Druck, Frust oder Erwartung verknüpft werden.


Wenn andere Hunde zur Entladung werden

Auch körperliche Ursachen sollten dabei nicht vergessen werden. Es gibt Hunde, die Schmerzen oder körperliches Unwohlsein haben und sich trotzdem oder gerade deshalb in starke Erregung bringen.

Bewegung, Rennen und wildes Spiel können kurzfristig durch Adrenalin und andere körpereigene Prozesse dazu führen, dass der Hund sich scheinbar besser fühlt. Das ersetzt aber keine Abklärung.

Wenn ein Hund auffällig viel Erregung sucht, schlecht zur Ruhe kommt, nach wildem Toben kurz besser wirkt oder Begegnungen immer stärker eskalieren, sollte auch der Körper mitgedacht werden.


Auch bei Frustreaktivität braucht es Abstand

Auch bei Leinenreaktivität aus Frust gilt: Abstand ist wichtig.

Nicht, weil der Hund unbedingt Angst haben muss, sondern weil Abstand überhaupt erst wieder Denkfähigkeit, Orientierung und Lernen möglich macht. Ist der Hund zu nah am Auslöser, ist er oft längst in Erwartung, Erregung oder Frust. Dann hilft auch das beste Leckerchen nicht unbedingt weiter.

Wie bei Leinenreaktivität aus Unsicherheit geht es auch hier darum, den passenden funktionalen Verstärker zu erkennen.

Bei Unsicherheit kann Abstand oft der wichtigste Verstärker sein, weil er dem Hund Sicherheit gibt.

Bei Frust kann der funktionale Verstärker anders aussehen: Bewegung, Spiel, gemeinsames Suchen, Weitergehen, ein kontrollierter Kontakt, ein ruhiges Beobachten oder ein Jagdersatzverhalten.

Es geht also nicht darum, immer nur Futter einzusetzen. Es geht darum zu fragen: Was braucht dieser Hund in diesem Moment wirklich? Was hilft ihm, aus der Spannung herauszukommen, ohne dass er sich an anderen Hunden entladen muss?


Wenn Jagdverhalten zum Ventil wird

Auch Jagdverhalten kann bei Frust oder ungestillten Bedürfnissen ein Ventil sein.

Manche Hunde regulieren sich nicht nur über wildes Toben mit anderen Hunden, sondern auch über Suchen, Hetzen, Fixieren, Lauern, Rennen oder das Verfolgen von Bewegungsreizen. An der Leine wird das besonders unangenehm empfunden, weil der Hund zwar in Erregung kommt, sein Bedürfnis aber nicht ausleben kann.


Er sieht den Reiz, sein Körper fährt hoch, aber die Leine begrenzt ihn. Dadurch kann Frust entstehen oder sich weiter verstärken.

Bei solchen Hunden kann der passende funktionale Verstärker also nicht nur Abstand oder Futter sein, sondern auch eine Form von Jagdersatztraining: gezieltes Suchen, kontrolliertes Hetzen eines Spielzeugs, Futter werfen, Fährtenarbeit, Apportieren, Markieren und Freigeben von Reizen oder andere passende Aufgaben, die dem Hund eine sinnvolle Alternative geben.


Wichtig ist dabei, dass der Hund nicht einfach noch mehr hochgefahren wird. Es geht nicht um wahllose Action, sondern um passende Bahnen für ein echtes Bedürfnis.


Bedürfnisbefriedigung vor Training

Vorbeugung bedeutet deshalb nicht nur, schwierige Begegnungen zu vermeiden. Es bedeutet auch, die Bedürfnisse des Hundes wirklich anzuschauen: Schlaf, Ruhe, Sicherheit, passende Bewegung, sinnvolle Beschäftigung, körperliches Wohlbefinden und soziale Kontakte, die tatsächlich guttun.

Ein Hund braucht nicht möglichst viele Hundekontakte. Er braucht passende Hundekontakte.

Und manchmal ist der bessere Lernmoment nicht das direkte Spielen, sondern das ruhige Beobachten aus sicherer Entfernung.


Auch der Mensch kann soziale Bedürfnisse erfüllen

Ganz wichtig ist dabei: Nicht jedes soziale Bedürfnis muss über andere Hunde erfüllt werden.

Auch der Mensch kann für seinen Hund ein wichtiger Sozialpartner sein. Durch gemeinsames Spiel, durch gemeinsames Suchen, durch ruhige Erkundung, durch kleine Aufgaben, durch Bewegung miteinander und durch echtes gemeinsames Erleben.

Ein Hund, der gelernt hat, dass nur andere Hunde für Spaß, Bewegung und Entladung zuständig sind, wird bei Hundebegegnungen schnell frustriert. Wenn aber auch der Mensch Teil dieser Bedürfnisbefriedigung wird, entsteht eine andere Grundlage.

Dann muss der andere Hund nicht mehr der einzige Auslöser für Freude, Spannung und Erwartung sein.


Genau deshalb steht bei Leinenreaktivität aus Frust nicht zuerst die Frage im Raum: Wie stoppe ich das Verhalten?

Sondern: Welche Bedürfnisse sind hier offen? Welche funktionalen Verstärker passen zu diesem Hund? Und wie können wir diese Bedürfnisse so erfüllen, dass der Hund nicht jeden anderen Hund oder das Jagen als Ventil braucht?



Gutes Training beginnt nicht damit, Verhalten nur zu unterbrechen.

Es beginnt damit, zu verstehen, warum der Hund dieses Verhalten gerade braucht.


Gerne helfe ich euch dabei


Andrea Jumpertz




 
 
 

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