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Da muss er durch – er gewöhnt sich schon daran


Gewöhnung klingt zunächst einfach: Ein Hund begegnet etwas Unbekanntem immer wieder und stellt irgendwann fest, dass davon keine Gefahr ausgeht. In der Praxis funktioniert dieser Lernprozess jedoch wesentlich differenzierter. Nicht jede wiederholte Konfrontation führt zu Gewöhnung. Unter ungünstigen Bedingungen kann sie Angst sogar verstärken.


Was bedeutet Habituation?

Habituation ist eine Form des nicht-assoziativen Lernens. Ein Reiz tritt wiederholt auf, ohne dass etwas für den Hund Bedeutsames geschieht. Daraufhin nimmt seine Reaktion allmählich ab. Der Reiz wird nicht unbedingt angenehm, sondern verliert an Bedeutung und tritt in den Hintergrund.

Im Flur steht beispielsweise plötzlich ein aufgespannter blauer Regenschirm. Der Hund bleibt stehen, betrachtet ihn vorsichtig oder weicht zunächst aus. Der Schirm bewegt sich nicht, nähert sich dem Hund nicht und kündigt nichts Unangenehmes an. Der Hund kann selbst entscheiden, wie viel Abstand er benötigt.

Mit der Zeit reagiert er immer weniger. Schließlich geht er am blauen Regenschirm vorbei, ohne ihn besonders zu beachten. Er hat sich an diesen Schirm in dieser Situation gewöhnt.

Habituation ist grundsätzlich ein passiver Lernprozess. Sie findet auch ohne aktives Training statt, wenn ein Reiz wiederholt als bedeutungslos erlebt wird.


Gewöhnung überträgt sich nicht automatisch

Am nächsten Tag steht vor dem Haus ein aufgespannter gelber Regenschirm. Aus menschlicher Sicht handelt es sich ebenfalls um einen Regenschirm. Für den Hund haben sich jedoch mehrere Merkmale verändert.

Der Schirm hat eine andere Farbe, steht an einem anderen Ort und wird möglicherweise vom Wind bewegt. Licht, Geräusche, Gerüche und Bewegungen in der Umgebung sind ebenfalls anders. Der Hund kann den gelben Regenschirm deshalb zunächst als neuen Reiz wahrnehmen.

Die Gewöhnung an den blauen Regenschirm im Flur überträgt sich nicht automatisch auf den gelben Regenschirm vor dem Haus. Habituation ist häufig stark an den jeweiligen Reiz und den Zusammenhang gebunden, in dem er erlebt wurde.

Selbst der bekannte blaue Regenschirm könnte an einem anderen Ort wieder eine Reaktion auslösen. Erst wenn ein Hund ähnliche Gegenstände in verschiedenen sicheren Situationen erlebt hat, kann sich seine Erfahrung zunehmend verallgemeinern.


Warum sich Angst leichter verallgemeinert

Bei möglichen Gefahren arbeitet das Gehirn vorsichtiger. Erschrickt der Hund stark vor dem gelben Regenschirm, kann sich diese Erfahrung auch auf andere Schirme oder ähnliche Gegenstände übertragen.

Aus evolutionärer Sicht ist das sinnvoll. Wird ein möglicher Gefahrenhinweis übersehen, können die Folgen schwerwiegend sein. Deshalb ist es für einen Organismus sicherer, auch auf ähnliche Reize vorsichtig zu reagieren.

Die Erfahrung „Dieser eine Gegenstand war harmlos“ bleibt häufig zunächst sehr spezifisch. Die Erfahrung „So etwas könnte gefährlich sein“ kann dagegen leichter auf ähnliche Gegenstände und Situationen übertragen werden.

Angstlernen ist deshalb oft schneller und umfassender als das Lernen, dass etwas neutral und bedeutungslos ist.


Wenn der erste Regenschirm wieder unheimlich wird

Ein starker Schreck vor dem gelben Regenschirm kann sogar dazu führen, dass der Hund erneut auf den blauen Regenschirm im Flur reagiert. Die bereits erfolgte Gewöhnung scheint plötzlich verschwunden zu sein.

Fachlich wird diese Rückkehr der Reaktion als Dishabituation bezeichnet. Ein neuer, auffälliger oder bedrohlicher Reiz führt dazu, dass auch ein bereits vertrauter Reiz wieder beachtet und neu bewertet wird.

Der Hund prüft gewissermaßen erneut, ob der blaue Regenschirm wirklich ungefährlich ist. Die Erfahrung mit dem gelben Schirm hat den Zusammenhang verändert.

Auch nach einer längeren Pause kann eine frühere Reaktion zurückkehren. Habituation ist daher nicht zwangsläufig dauerhaft. Eine erneute Gewöhnung verläuft häufig schneller als beim ersten Mal, kann aber trotzdem wieder notwendig werden.


Wann aus Gewöhnung Flooding wird

Problematisch wird es, wenn Menschen versuchen, Gewöhnung zu erzwingen. Der Hund wird dicht an den Regenschirm herangeführt, daran vorbeigezogen oder in einen engen Flur gebracht, in dem er nicht ausweichen kann.

Die Vorstellung dahinter lautet häufig: „Er muss nur merken, dass nichts passiert.“

Ist der Reiz jedoch so intensiv, dass der Hund starke Angst zeigt, und kann er weder Abstand herstellen noch die Situation verlassen, handelt es sich nicht mehr um eine behutsame Gewöhnung. Diese Form der vollständigen und unausweichlichen Konfrontation wird als Flooding bezeichnet.

Der Hund wird dem angstauslösenden Reiz ausgesetzt, ohne eine wirksame Möglichkeit zu haben, die Belastung durch sein Verhalten zu verändern.


Weniger sichtbare Reaktion bedeutet nicht weniger Angst

Bei einer solchen Konfrontation kann der Hund zunächst ausweichen, ziehen, bellen oder fliehen wollen. Wenn keine dieser Reaktionen funktioniert, wird er möglicherweise irgendwann still.

Von außen kann das wie erfolgreiche Gewöhnung aussehen. Der Hund geht am Regenschirm vorbei, bleibt stehen oder liegt ruhig im Flur.

Es ist jedoch möglich, dass lediglich sein sichtbares Abwehr- oder Fluchtverhalten nachgelassen hat. Die Angst kann weiterhin bestehen. Der Hund könnte erschöpft sein, erstarren oder gelernt haben, dass sein Verhalten wirkungslos ist.

Deshalb lässt sich der emotionale Zustand eines Hundes nicht allein daran erkennen, dass er sich nicht mehr bewegt oder nicht mehr laut reagiert. Verhaltensruhe und innere Entspannung sind nicht dasselbe.


Warum die Angst dadurch stärker werden kann

Wird der Hund in zu hoher Intensität mit einem beängstigenden Reiz konfrontiert, kann statt Gewöhnung eine zunehmende Empfindlichkeit entstehen. Der Hund reagiert dann beim nächsten Mal schneller oder stärker.

Möglicherweise erschrickt er zukünftig bereits beim Aufspannen eines Regenschirms. Vielleicht meidet er den Flur, die Haustür oder ähnliche Gegenstände. Seine Angst kann sich auf andere Farben, Formen oder Orte übertragen.

Auch Flucht- und Abwehrverhalten kann intensiver werden. Stellt der Hund fest, dass leichtes Ausweichen nicht funktioniert, versucht er beim nächsten Mal möglicherweise deutlicher Abstand herzustellen. Er zieht, bellt, droht oder schnappt.

Das Verhalten ist dann keine Sturheit. Es ist der Versuch, mit einer als bedrohlich erlebten Situation umzugehen.


Warum Training in dieser Situation häufig scheitert

Ein stark belasteter Hund ist vor allem mit seiner eigenen Sicherheit beschäftigt. Aufmerksamkeit, Wahrnehmung und Entscheidungsfähigkeit verändern sich. Ein bekanntes Signal kann unter diesen Bedingungen möglicherweise nicht mehr zuverlässig ausgeführt werden.

Soll der Hund in unmittelbarer Nähe des Regenschirms sitzen, Blickkontakt halten oder ruhig bei Fuß gehen, wird damit nicht automatisch seine Angst verändert.

Er kann das gewünschte Verhalten ausführen und sich trotzdem unsicher fühlen. Ebenso kann er Futter nehmen und weiterhin Angst haben. Sichtbarer Gehorsam ist kein Beweis für emotionales Wohlbefinden.

Viele Trainingsversuche scheitern deshalb nicht, weil der Hund zu wenig geübt hat. Sie scheitern, weil die Situation kein gutes Lernen ermöglicht. Der Reiz ist zu intensiv, der Abstand zu gering oder dem Hund fehlt eine wirksame Handlungsmöglichkeit.


Systematische Desensibilisierung: kleine Schritte statt Aushalten

Bei einer systematischen Desensibilisierung wird der angstauslösende Reiz zunächst nur in einer sehr geringen Intensität angeboten.

Der blaue Regenschirm könnte zusammengefaltet in größerer Entfernung liegen. Später wird er halb geöffnet oder in größerem Abstand aufgespannt. Erst wenn der Hund bei diesem Schritt gelassen bleibt, wird eine einzelne Schwierigkeit vorsichtig verändert.

Dabei wird nicht nur auf offensichtliche Angst geachtet. Auch Muskelspannung, Atem, Tempo, Blick, Bewegungsfreiheit, Zögern und die Erholung nach der Situation liefern wichtige Informationen.

Der Hund sollte während des gesamten Vorgehens flexibel bleiben. Er soll schauen, schnüffeln, sich abwenden, Abstand verändern und sich erholen können. Zeigt er deutliche Anspannung, war der Schritt wahrscheinlich zu groß.


Gegenkonditionierung: Der Regenschirm bekommt eine neue Bedeutung

Habituation führt im besten Fall dazu, dass der Regenschirm unwichtig wird. Bei einer Gegenkonditionierung soll sich seine emotionale Bedeutung verändern.

Der Anblick des Regenschirms kündigt nun etwas Angenehmes an. Sobald der Hund den Schirm wahrnimmt, folgt etwas, das für ihn in dieser Situation wirklich wertvoll ist.

Das kann Futter sein, aber auch mehr Abstand, Bewegung, Schnüffeln oder der Zugang zu einem sicheren Ort. Entscheidend ist, was dieser Hund in diesem Moment tatsächlich als angenehm oder hilfreich erlebt.

Der Hund muss dafür kein bestimmtes Verhalten zeigen. Er muss den Regenschirm weder anschauen noch berühren und auch keinen Blickkontakt zum Menschen herstellen.

Wichtig ist außerdem die Reihenfolge: Zuerst erscheint der Regenschirm, anschließend folgt die angenehme Erfahrung. Wird zuerst das Futter gezeigt und danach der Schirm geöffnet, kann das Futter stattdessen zum Hinweis darauf werden, dass gleich etwas Unheimliches geschieht.


Wahlmöglichkeiten schaffen Sicherheit

Besonders wichtig ist, dass der Hund Einfluss auf die Situation behält. Er darf entscheiden, ob er den Regenschirm betrachtet, sich nähert, Abstand nimmt oder die Situation verlässt.

Sein Zögern, Abwenden oder Zurückgehen wird nicht als Verweigerung bewertet. Es liefert Informationen darüber, wie er die Situation gerade erlebt.

Durch diese Wahlmöglichkeiten lernt der Hund mehr als nur: „Der Regenschirm kündigt etwas Angenehmes an.“

Er erlebt zusätzlich: „Ich werde gehört. Ich kann Abstand herstellen. Ich kann eine Pause machen. Mein Verhalten verändert die Situation.“

Diese Erfahrung von Kontrolle und Selbstwirksamkeit kann ein wesentlicher Bestandteil von Sicherheit sein.


Gewöhnung darf nicht erzwungen werden

Habituation kann nur entstehen, wenn ein Reiz wiederholt als tatsächlich unbedeutend erlebt wird. Sie lässt sich nicht dadurch beschleunigen, dass ein Hund keine andere Möglichkeit erhält, als die Situation auszuhalten.

Ein faires Vorgehen verbindet deshalb ausreichend Abstand, kleine bewältigbare Schritte, angenehme Erfahrungen und echte Wahlmöglichkeiten.

Das Ziel ist nicht, dass der Hund still am Regenschirm vorbeigeht. Entscheidend ist, ob er sich dabei sicher fühlt, flexibel handeln kann und sich anschließend erholt.

„Da muss er durch“ schafft nicht automatisch Gewöhnung.


Sicherheit entsteht, wenn der Hund erleben darf: „Ich kann das bewältigen und wenn es mir zu viel wird, kann ich etwas verändern.“


Dieses Verständnis bildet die Grundlage meiner Kurse, online Termine und Einzeltermine. Ich freue mich darauf, dich dabei zu unterstützen, deinen Hund besser zu verstehen und gemeinsam einen sicheren, fairen Weg zu finden.


Andrea Jumpertz

 
 
 

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