Selbstvertrauen beginnt mit Selbstwirksamkeit
- Andrea Jumpertz

- vor 7 Tagen
- 4 Min. Lesezeit
Wie Körpergefühl, eigene Entscheidungen und gute Erfahrungen Hunde sicherer durch den Alltag und durch Begegnungen begleiten
Selbstvertrauen entsteht nicht dadurch, dass ein Hund möglichst viel „aushalten“ muss. Es entsteht, wenn er Erfahrungen machen darf, die für ihn bewältigbar sind, und wenn er dabei erlebt: Ich kann etwas tun. Ich kann ausprobieren. Ich kann mich zurückziehen. Und ich kann selbst eine Lösung finden.
Genau deshalb gehören Übungen zum Körpergefühl, freies Erkunden und kleine Umweltaufgaben für mich ganz selbstverständlich zum Alltagstraining dazu.
In meinen Alltagshelden-Kursen, in Körpergefühl & Teamarbeit und auch in der Begegnungszeit geht es deshalb nicht nur darum, bestimmte Signale zu trainieren. Wir möchten Hunde dabei unterstützen, ihren eigenen Körper und ihre Umwelt besser kennenzulernen und sich zunehmend sicherer darin zu bewegen.
Was für uns selbstverständlich klingt, ist für Hunde gar nicht immer so einfach. Viele Hunde setzen ihre Vorderpfoten sehr bewusst ein. Sie steigen mit den Vorderbeinen auf einen Gegenstand oder folgen einer Handbewegung problemlos. Bei den Hinterbeinen sieht das oft ganz anders aus.
Eine einfache Übung kann beispielsweise darin bestehen, dass der Hund lernt, nur mit den Hinterpfoten auf einer Matte zu stehen. Anfangs wird vielleicht noch etwas unterstützt. Später soll der Hund möglichst selbst herausfinden, wo sich seine Hinterpfoten befinden, was passiert, wenn er einen Schritt zurück macht, und wie sich dieser Untergrund eigentlich anfühlt.
Dabei geht es nicht darum, dass der Hund die Aufgabe möglichst schnell oder perfekt löst. Es geht um Körperwahrnehmung, Koordination und Selbstwirksamkeit. Der Hund entdeckt seinen eigenen Körper und lernt, Bewegungen bewusster einzusetzen.
Das gleiche Prinzip nutzen wir mit verschiedenen Materialien und Untergründen. Eine weiche Matte fühlt sich anders an als fester Boden. Gras fühlt sich anders an als Holz. Ein leicht beweglicher Untergrund wiederum völlig anders. Hunde dürfen Dinge mit den Pfoten berühren, darüber steigen oder unterschiedliche Materialien selbst untersuchen.
Auch eine einfache Sensorik- oder Schnüffelkiste kann dazugehören. Darin befinden sich zunächst sehr einfache Materialien, zwischen denen der Hund nach Futter suchen kann. Später können vorsichtig andere Gegenstände, Oberflächen oder Geräusche hinzukommen.
Wichtig ist dabei nicht, dass wir den Hund irgendwo hineinlocken und anschließend sagen: „Siehst du, war doch gar nicht schlimm.“ Der Hund soll möglichst selbst entscheiden dürfen, wie nah er herangeht, ob er seinen Kopf hineinsteckt und wie intensiv er etwas untersucht. Gerade diese Freiwilligkeit macht einen großen Unterschied.
Manchmal werden vorsichtige Hunde mit möglichst vielen Reizen konfrontiert, weil sie sich „daran gewöhnen sollen“. Mehr Reize bedeuten aber nicht automatisch mehr Sicherheit. Für manche Hunde bedeutet ein dichtes Programm aus Menschen, Hunden, Geräuschen, Untergründen und neuen Situationen schlicht zu viel.
Selbstvertrauen wächst eher dann, wenn der Hund neue Erfahrungen in einer Intensität machen kann, die er noch verarbeiten kann. Vielleicht betrachtet er einen Gegenstand zunächst nur. Vielleicht schnüffelt er daran. Vielleicht geht er wieder weg. Und vielleicht kommt er anschließend von sich aus zurück. Auch das ist Lernen.
Und genau hier entsteht die Verbindung zur Begegnungszeit.
Auf den ersten Blick scheint Körpergefühl vielleicht wenig mit Hundebegegnungen zu tun zu haben. Tatsächlich greifen diese Bereiche aber ineinander. Ein Hund, der seinen Körper gut wahrnimmt, Bewegungen bewusster ausführen kann und gelernt hat, kleine Probleme selbstständig zu lösen, hat bereits viele Erfahrungen mit Selbstwirksamkeit gesammelt.
Diese Fähigkeiten brauchen wir auch in schwierigeren Alltagssituationen. In einer Hundebegegnung geht es eben nicht nur darum, dass der Hund „bei Fuß“ läuft oder sich hinsetzt. Viel spannender ist die Frage, ob er einen Bogen gehen kann, ob er sein Tempo verändern kann, ob er schnüffeln oder sich abwenden kann, ob er Abstand herstellen kann und ob er anschließend wieder in einen ruhigeren Zustand findet.
Deshalb finden sich Elemente aus Körperarbeit, freiem Erkunden und Selbstregulation auch in unserer Begegnungszeit wieder.
Gerade reaktive oder unsichere Hunde profitieren häufig davon, wenn Begegnungen nicht ständig über Kontrolle gelöst werden. Wir beobachten, schaffen Abstand, unterstützen beim Abwenden, lassen schnüffeln und nutzen Freiarbeit. Und manchmal gehen wir eben nicht näher an einen anderen Hund heran.
Das Ziel ist nicht, dass der Hund ruhig neben seinem Menschen sitzt, egal was passiert. Das Ziel ist vielmehr, dass er zunehmend eigene Strategien entwickelt, mit solchen Situationen umzugehen. Das kann bedeuten, einen Bogen zu laufen, kurz stehen zu bleiben, den anderen Hund zu beobachten oder sich anschließend über Schnüffeln wieder zu regulieren.
Genau deshalb ist mein Alltagshelden-Konzept breiter angelegt. Natürlich lernen Hunde auch Dinge, die wir im täglichen Zusammenleben brauchen. Aber Alltagstauglichkeit bedeutet für mich nicht nur Sitz, Platz, Rückruf und Leinenführigkeit.
Ein Hund braucht auch ein gutes Körpergefühl, Erfahrungen mit unterschiedlichen Umweltreizen, Möglichkeiten zur Selbstregulation und das Vertrauen, gemeinsam mit seinem Menschen eine Situation bewältigen zu können.
Im Kurs Körpergefühl & Teamarbeit können wir diese Themen noch intensiver aufgreifen. Mit Cavaletti, Targets, kleinen Bewegungsaufgaben, unterschiedlichen Untergründen, Körperarbeit, Tricks und Elementen aus dem Longieren beschäftigen wir uns mit Bewegung auf eine andere Art.
Nicht schneller, nicht höher und nicht perfekter, sondern bewusster.
Der Hund darf nachdenken, ausprobieren und seinen Körper kennenlernen. Und dabei entstehen häufig genau die kleinen Erfolgserlebnisse, aus denen Selbstvertrauen wachsen kann.
Alltagshelden, Körpergefühl & Teamarbeit und Begegnungszeit sind deshalb keine voneinander völlig getrennten Welten. Sie greifen ineinander. In den Alltagshelden schaffen wir Grundlagen für das gemeinsame Leben. Beim Körpergefühl entdecken Hunde ihre körperlichen Fähigkeiten und sammeln Erfahrungen mit Selbstwirksamkeit. In der Begegnungszeit übertragen wir vieles davon auf reale soziale Situationen und unterstützen die Hunde dabei, gute eigene Strategien zu entwickeln.
Denn ein selbstbewusster Hund ist für mich nicht der Hund, der alles mitmacht.
Es ist ein Hund, der immer besser einschätzen kann, was gerade passiert, wie sich eine Situation für ihn anfühlt und welche Möglichkeiten er hat, damit umzugehen.
Nicht Unsicherheit verstecken, sondern lernen, mit ihr umzugehen und daran zu wachsen.
Andrea Jumpertz





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