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Angst oder Frustration? Warum gleiches Verhalten etwas völlig anderes bedeuten kann

28. Sept.
5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 29. Sept.



Ein Hund bellt, zieht in die Leine, fixiert sein Gegenüber oder weicht einer Berührung aus. Schnell entstehen Erklärungen wie: „Er hat Angst“, „Er ist frustriert“ oder „Er muss lernen, das auszuhalten“.

Aber woran erkennen wir eigentlich, welche Emotion hinter einem Verhalten steht?

Eine 2026 veröffentlichte Arbeit von Beverley M. Wilson, Carl D. Soulsbury und Daniel S. Mills beschäftigt sich genau mit dieser Frage. Die Autor zeigen, dass Angst und Frustration in der Fachliteratur keineswegs einheitlich definiert werden. Häufig werden die Begriffe verwendet, ohne genau zu erklären, was damit gemeint ist.

Das ist nicht nur ein sprachliches Problem. Wenn wir die zugrunde liegende Emotion falsch einschätzen, kann auch unser Umgang mit dem Hund am eigentlichen Problem vorbeigehen.


Nicht das Verhalten allein entscheidet

Bellen, Knurren, Erstarren, Ausweichen oder Schnappen können sowohl bei Angst als auch bei Frustration auftreten. Auch ein Hund, der sich nach vorne bewegt, muss nicht automatisch freundlich oder kontaktfreudig sein. Er kann sich annähern, um Informationen zu sammeln, eine Situation zu kontrollieren oder ein Gegenüber auf Abstand zu bringen.

Die Autor schlagen deshalb vor, Emotionen nicht nur anhand des sichtbaren Verhaltens, sondern anhand ihrer biologischen Funktion zu unterscheiden.

Vereinfacht gesagt:

Bei Angst geht es um die erwartete Schädigung des eigenen Körpers.Bei Frustration geht es um eine verhinderte Handlung oder den Verlust von Kontrolle.

Was ist Angst?

Nach dem vorgeschlagenen Modell entsteht Angst, wenn ein Hund eine Gefahr für seine körperliche Unversehrtheit erwartet. Die Funktion der Angst besteht darin, den Hund vor Verletzung zu schützen und sein Überleben zu sichern.

Auslöser können beispielsweise sein:

  • plötzlich auftretende oder sehr intensive Umweltreize,

  • laute und unvorhersehbare Geräusche,

  • mögliche Fressfeinde,

  • eine drohende körperliche Auseinandersetzung,

  • oder ein sozialer Kontakt, bei dem der Hund mit einer Verletzung rechnet.

Ein Hund kann dabei fliehen, erstarren, sich klein machen oder Schutz suchen. Angst kann aber ebenso zu Bellen, Drohen oder einer Bewegung nach vorne führen. Ein Vorwärtsgehen schließt Angst daher nicht aus.

Manche Hunde nähern sich gerade deshalb an, weil sie eine unsichere Situation nicht unbeobachtet lassen können. Sie möchten wissen, was das Gegenüber tut, seine Bewegung kontrollieren oder die Situation möglichst schnell beenden.


Was ist Frustration?

Frustration entsteht nach der vorgeschlagenen Definition, wenn ein Hund ein motiviertes Verhalten nicht ausführen kann. Ihre Funktion besteht darin, wieder mehr Kontrolle über Ressourcen oder die Umwelt zu gewinnen.

Das kann sehr unterschiedliche Situationen betreffen:

  • Der Hund wird körperlich festgehalten.

  • Er kann sich nicht frei bewegen.

  • Er kommt nicht zu einem gewünschten Ziel.

  • Eine erwartete Belohnung bleibt aus oder verzögert sich.

  • Eine Ressource wird bedroht.

  • Ein anderer Mensch oder Hund dringt in seinen persönlichen Raum ein.

  • Der Hund befindet sich zwischen zwei widersprüchlichen Handlungsimpulsen.

  • Ein Sozialpartner verhält sich anders als erwartet.

Frustration bedeutet also nicht nur: „Der Hund bekommt sein Leckerchen nicht.“ Auch ein Verlust von Autonomie und Handlungsmöglichkeiten kann eine wichtige Rolle spielen.


Wenn Berührung zum Konflikt wird

Besonders interessant ist die Betrachtung von Berührungen. Abwehrverhalten beim Anfassen wird häufig automatisch als Angst oder Schmerz interpretiert. Beides muss unbedingt berücksichtigt und gegebenenfalls medizinisch abgeklärt werden.

Die Autor weisen jedoch darauf hin, dass auch der Verlust von Kontrolle eine Rolle spielen kann. Ein Hund, dessen Pfote festgehalten wird, verliert vorübergehend die Kontrolle über seine Fortbewegung. Eine Hand, die sich ihm nähert, kann bereits ankündigen, dass seine Bewegungsfreiheit gleich eingeschränkt wird.

Der Hund wehrt sich dann möglicherweise nicht nur gegen die Berührung selbst, sondern gegen den erwarteten Verlust seiner Autonomie.

Das zeigt, warum freiwillige Kooperation, angekündigte Berührungen sowie Start- und Stoppsignale so wertvoll sind. Der Hund erlebt:

„Ich werde gehört. Ich kann zustimmen, pausieren oder mich entziehen.“

Ressourcenverteidigung: Angst vor Verlust?

Oft heißt es, ein Hund verteidige Futter, Liegeplätze oder andere Gegenstände aus Angst, die Ressource zu verlieren.

Die Autor betrachten das differenzierter. In ihrem Modell betrifft die Bedrohung zunächst nicht die körperliche Sicherheit des Hundes, sondern seine Kontrolle über eine Ressource. Das passt eher zur Frustration.

Entsteht während der Auseinandersetzung zusätzlich die Erwartung, körperlich bedroht oder verletzt zu werden, kann Angst hinzukommen. Angst und Frustration schließen sich also nicht gegenseitig aus. Sie können gleichzeitig auftreten und sich gegenseitig verstärken.


Das Beispiel Hundebegegnung

Ein Hund sieht einen anderen Hund, fixiert ihn, zieht nach vorne und bellt.

Von außen könnte das immer gleich aussehen. Emotional können jedoch sehr unterschiedliche Prozesse beteiligt sein.

Ein unsicherer Hund möchte möglicherweise Abstand herstellen oder den anderen Hund kontrollieren, weil er eine Bedrohung erwartet. Das wäre vorwiegend angstbezogen.

Ein anderer Hund möchte zum Gegenüber gelangen und wird durch die Leine daran gehindert. Das kann Frustration auslösen.

Ein dritter Hund möchte gleichzeitig hingehen und ausweichen. Er befindet sich in einem Annäherungs-Vermeidungs-Konflikt. Die Unsicherheit erzeugt Angst, während die fehlende Möglichkeit, eine eindeutige Handlung auszuführen, zusätzlich frustriert.

Deshalb reicht die Beschreibung „leinenreaktiv“ nicht aus. Reaktivität sagt zunächst nur, dass der Hund deutlich auf einen Reiz reagiert. Sie erklärt noch nicht, warum er das tut.


Unterschiedliche Emotionen brauchen unterschiedliche Unterstützung

Bei Angst geht es zunächst um Sicherheit:

  • ausreichend Abstand,

  • Vorhersagbarkeit,

  • Schutz vor Überforderung,

  • die Möglichkeit zum Rückzug,

  • kleinschrittige Desensibilisierung,

  • gut aufgebaute Gegenkonditionierung,

  • und soziale Unterstützung durch einen verlässlichen Menschen.

Bei Frustration sollten wir überlegen:

  • Welche Handlung wird gerade verhindert?

  • Welche Kontrolle hat der Hund verloren?

  • Welche Wahlmöglichkeit können wir ihm zurückgeben?

  • Gibt es eine verständliche Alternative?

  • Wie kann er unvermeidbare Einschränkungen in kleinen, bewältigbaren Schritten kennenlernen?

Das bedeutet nicht, dass ein Hund immer alles tun darf, was er möchte. Wahlfreiheit braucht einen sicheren Rahmen. Ein Hund darf beispielsweise Wege wählen, schnüffeln und Abstand nehmen. Er darf aber nicht einen fremden Hund verfolgen und bedrängen.

Auch die Wahlfreiheit des anderen Hundes gehört zur Situation.


Meiden oder trainieren?

Abstand zu schaffen ist nicht automatisch eine schlechte Form der Vermeidung. Ein Hund, der bereits stark angespannt ist, kann in unmittelbarer Nähe des Auslösers kaum neue und hilfreiche Erfahrungen sammeln.

Vorübergehendes Meiden kann deshalb notwendig sein, um das Nervensystem zu entlasten und weitere Überforderung zu verhindern. Manchmal ist dauerhaftes Management ebenfalls die beste Lösung. Kein Hund muss einen vollen Hundepark, engen Kontakt mit fremden Menschen oder jede denkbare Alltagssituation bewältigen können.

Wenn eine Situation für das gemeinsame Leben wichtig ist, können später kontrollierte und gut unterstützte Lernerfahrungen folgen. Der Hund sollte dabei nicht lediglich lernen, Unbehagen still auszuhalten.

Entscheidend ist die Erfahrung:

„Ich konnte die Situation bewältigen. Ich hatte Handlungsmöglichkeiten, wurde unterstützt und konnte mich anschließend wieder erholen.“

Soziale Unterstützung ist kein Verwöhnen

Die Autor beziehen ausdrücklich auch die soziale Unterstützung in mögliche Interventionen ein.

Manche Hunde suchen bei Anspannung freiwillig Körperkontakt, lehnen sich an ihren Menschen oder möchten auf den Schoß. Andere brauchen mehr Abstand und möchten zunächst nicht berührt werden. Beides sollte respektiert werden.

Trösten verstärkt Angst nicht. Wenn ein Hund freiwillig Nähe sucht und durch ruhige Berührung weicher wird, kann dies eine wertvolle Form der Co-Regulation sein.

Dabei bleibt die Freiwilligkeit entscheidend: Nähe anbieten, nicht aufzwingen; kurz berühren, pausieren und beobachten, ob der Hund erneut Kontakt sucht.


Was die Arbeit nicht beweist

Bei der Veröffentlichung handelt es sich nicht um eine Trainingsstudie, in der verschiedene Methoden miteinander verglichen wurden. Die Autor haben einen Teil der vorhandenen Literatur ausgewertet und daraus ein neues psychobiologisches Ordnungssystem entwickelt.

Einige Kategorien sind gut durch bisherige Forschung gestützt. Andere kennzeichnen die Autor ausdrücklich als plausible Ableitungen oder als Hypothesen für zukünftige Untersuchungen.

Das Modell sollte deshalb nicht als fertiges Diagnosesystem verstanden werden. Es bietet uns aber eine sehr hilfreiche Frage für den Alltag:

Erwartet dieser Hund gerade eine Gefahr für sich – oder wird eine für ihn wichtige Handlung verhindert?

Manchmal lautet die ehrlichste Antwort: beides.


Mein Fazit

Verhalten ist keine eindeutige Übersetzung einer Emotion. Ein bellender Hund ist nicht automatisch aggressiv, ein nach vorne ziehender Hund nicht automatisch kontaktfreudig und ein Hund, der sich einer Berührung widersetzt, nicht einfach unkooperativ.

Wenn wir verstehen möchten, was ein Hund braucht, müssen wir hinter das sichtbare Verhalten schauen:

  • Was erwartet er?

  • Was versucht er zu erreichen oder zu verhindern?

  • Welche Handlungsmöglichkeit fehlt ihm?

  • Fühlt er sich körperlich sicher?

  • Kann er Abstand nehmen?

  • Und welche Unterstützung hilft ihm tatsächlich?


Gutes Training beginnt nicht mit der Frage, wie wir ein Verhalten möglichst schnell beenden. Es beginnt mit der Frage, welches Problem der Hund damit zu lösen versucht.


Quelle:Wilson, B. M., Soulsbury, C. D. & Mills, D. S. (2026). Development of a psychobiological nosology for fear and frustration in clinical animal behavior using dogs as a model species. Frontiers in Psychology, 17, 1888439.https://doi.org/10.3389/fpsyg.2026.1888439

 
 
 

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