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Was tun mit dem 'reaktiven' Hund?

Aktualisiert: 2. Juli



Reaktivität bei Hunden aus Hilflosigkeit

Reaktive Hunde, die beispielsweise auf andere Hunde durch Bellen im Freilauf oder an der Leine reagieren, sind oft Gegenstand von Debatten über die effektivste Intervention.

Hierbei betrachten wir erst einmal die Reaktivität von Hunden, die andere Hunde als Gefahr sehen aber nur bellen und nicht nach vorne gehen.


Aversives Training: Eine schnelle Lösung bei Reaktivität?

Aversive Trainingsmethoden scheinen schnelle Lösungen zu bieten und behaupten, „garantierte Ergebnisse“ zu liefern. Diese Methoden beinhalten die Bestrafung des Hundes für unerwünschtes Verhalten, was das Verhalten kurzfristig unterdrücken kann, aber nicht den zugrunde liegenden emotionalen Zustand (Hilflosigkeit), der das Verhalten verursacht, adressiert.

Das ist weder fair für den Hund noch berücksichtigt es seine emotionale Belastung.


Positives Training: Ruhe durch Leckerchen verstärken bei Reaktivität?

Auch durch Leckerchengabe wird die zugrunde liegende Emotion nicht geändert. Meist werden Leckerchen auch nicht genommen. Bei größerem Abstand können noch Leckerchen genommen werden. Das heißt aber nicht, dass man einen scheinbar ruhigen Hund in seiner Emotion ändert, wenn man Leckerchen gibt.

Es gibt zwei mögliche Konsequenzen dieser Praxis:

Eine wäre, der Hund ist zwar bei genügend Abstand scheinbar ruhig aber empfindet immer noch Unsicherheit. Hier Leckerchen zu kombinieren macht die Belohnungsfähigkeit eines Leckerchens schlechter. Die Wertigkeit der Leckerchenbelohnung sinkt, da der Hund Leckerchen negativ verknüpft.

Die zweite Sache zu Bedenken ist, dass Leckerchen fixierte Hunde eher in Aufregung geraten, wenn sie Leckerchen bekommen. Das wäre also der Reaktivität eher wieder förderlich.


Emotionale und ethische Überlegungen

Aus ethischer Sicht sind aversive Trainingsmethoden und Methoden rein über Leckerchen bei Reaktivität problematisch, weil sie den Hund absichtlich in stressige Situationen bringen und nicht die zugrunde liegende Emotion ansprechen. Beide Ansätze fördern keine vertrauensvolle Beziehung zwischen Hund und Halter.


Ein mitfühlenderer partnerschaftlicher Ansatz

Bei Reaktivität in der Anwesenheit von Gefahr (zum Beispiel ein anderer Hund) geht es primär nicht um Angst oder Wut, die ein Hund zeigt, sondern erst um die Signale, die ein Hund vor dem reaktiven Ausbruch zeigt, um emotionale Unterstützung zu erhalten. Es geht darum, dass wir uns um emotionale Bedürfnisse kümmern und und dann unsere Fürsorge rechtzeitig einsetzen, um Furcht und Wut bei Hunden, die sich aus ihrer Sicht in Gefahr befinden zu verhindern.

Erst wenn die Suche nach emotionaler Unterstützung seitens des Hundes nicht frühzeitig erkannt wird, wird sich Hilflosigkeit in Furcht und Wut wandeln. Denn der Hund hatte den Eindruck, dass sein Mensch für ihn nicht emotional verfügbar war, als er es brauchte.

Das ist entscheidend. Denn Hunde sind hochsoziale Wesen. Wenn man auf diese Art das Vertrauen eines Hundes auf seiner Seite hat, wird er in stressigen Situationen weniger Reaktivität zeigen.


Leinenreaktivität aus Frust

Wobei dieser Umgang mit Reaktivität nicht mit reiner Leinenreaktivität zu verwechseln ist, die der Hund zeigt, wenn er frustriert ist, wenn die Leine seine Aktivitäten verhindert. Es kann durchaus sein, dass Jagen oder die Aussicht auf ein Hundespiel dermaßen viel für einen Hund bedeuten, dass er die Unterbindung dieses starken Bedürfnisses durch die Leine als stark frustrierend empfindet. Dies gilt es zu unterscheiden von einer Bedrohung durch Gefahr sei es im Freilauf oder an der Leine. In diesem Fall wird ein Hund, wie vorher geschrieben seinen Sozialpartner um emotionale Unterstützung fragen.


Im Fall von Leinenfrust ist das anders. Bei dem Wunsch nach Erfüllung von Bedürfnissen, dem ein Hund an der Leine nicht nachkommen kann, wird er nicht um Unterstützung beim Mensch fragen. Jedoch ist hier einfach mal zu bedenken, warum ein Hund so viel Wert auf Jagen oder Hundespiel legt, obwohl er weiß, dass dies an der Leine nicht möglich ist.

Ein Hund, der gesund ist und dessen Bedürfnisse so gut es geht erfüllt sind, wird kein Jagd-, oder Hundespieljunkie auch unabhängig von seiner Rasse. Also hier geht es die Emotion Frust zu sehen und die Ursache zu erforschen.Welche Bedürfnisse sind hier nicht erfüllt, so dass ein Hund sich so auf selbstbelohnendes Verhalten ohne Einbezug seines Halters konzentriert.


Bedürfnispyramide für Hunde

Hier hilft folgende Bedürfnispyramide bei der Ursachenforschung:




Zusammenfassung

Reaktivität ist eine normale emotionale Reaktion, die daraus entsteht, dass ein Lebewesen gerade überfordert ist und nicht die emotionale Unterstützung fand, die es suchte. Auch Reaktivität aus Frust (für den Hund an der Leine zum Beispiel) ist eine natürliche Reaktion, die ihr Ventil braucht. Das gilt für Menschen und Hunde. Nur sind Hunde direkter in ihren Emotionen und zeigen diese sofort und deutlich.


Erst wenn ein Hund sich sicher fühlt und sich in seinen Bedürfnissen befriedigt sieht, beginnt das Bedürfnis nach gewaltfreiem Training, wie in der Tabelle dargestellt.


Weder strafbasiertes Training noch Training mit Leckerchengabe werden einen emotionalen Zustand des Hundes bei Reaktivität nicht bessern können und befriedigen logischerweise auch nicht soziale oder biologische Bedürfnisse.


Der Grund warum es so viele reaktive Hunde und auch schon von Welpen an gibt, ist das primäre Sehen und Vorziehen von Grundgehorsam und Regeln vor Bedürfnisbefriedigung. Dass ein Hund dessen Bedürfnisse erst einmal erfüllt sind, viel einfacher im Grundgehorsam gewaltfrei zu trainieren ist, wird selten so gesehen. Dabei wäre das wieder ein richtiger Schritt zurück zum partnerschaftlichen Mensch Hund Miteinander. Das was Hunde und Menschen vor tausenden Jahren ursprünglich zusammengebracht hat.


Irgendwann hat der vorwiegend rational und hierarchisch denkende Mensch die Sicht auf den Hund und seine Bedürfnisse verloren und seine eigene Sicht von traditioneller Erziehung auf den Hund übertragen. Das funktioniert aber nicht, wenn man von einem Partner Hund träumt mit dem man förmlich durch Dick und Dünn gehen möchte und einfach Spaß haben kann. Ganz so einfach ist es dann doch nicht.




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