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Teil 1: Leinenreaktivität aus Unsicherheit: Warum Abstand oft wichtiger ist als Futter

Immer wieder höre ich den Satz: positives Training hat bei meinem Hund bei Leinenreaktivität nicht funktioniert. Manchmal heißt es auch: bei dieser Rasse funktioniert das nicht. Danach wird dann häufig zu aversivem Training gewechselt, also zu Druck, Einschüchterung oder Korrekturen.


Dabei liegt das Problem oft nicht im positiven Training selbst, sondern darin, dass es falsch verstanden oder zu schematisch angewandt wurde.


Wenn Futter in einer bestimmten Situation nicht hilft, bedeutet das nicht, dass positives Training falsch ist. Es bedeutet meist nur, dass Futter in diesem Moment nicht der wichtigste Verstärker für diesen Hund ist, auch wenn er es vielleicht noch nimmt.


Gerade bei Angst, Unsicherheit ist der wichtigste Verstärker häufig nicht das Leckerchen, sondern Abstand. Der Hund möchte aus der Situation heraus. Er möchte mehr Raum, mehr Sicherheit und mehr Kontrolle. Wenn wir ihm dann Futter geben, ihn aber gleichzeitig in der Nähe des Auslösers halten, kann es passieren, dass er nicht wirklich Sicherheit lernt. Er lernt vielleicht nur: Da ist ein anderer Hund, jetzt nehme ich Futter, aber eigentlich ist es mir immer noch zu nah.


Von außen sieht dieses Training anfangs manchmal nach Erfolg aus. Der Hund sieht den Auslöser und schaut zum Menschen, weil er ein Leckerchen erwartet. Später sucht er Trigger vielleicht sogar schon auf große Entfernung. Das kann den Eindruck machen, als habe der Hund auf Abstand gar kein Problem mehr mit Begegnungen und wolle nur noch Leckerchen.

Aber der Hund hat keine böse Absicht. Er hat einfach gelernt: Trigger entdecken führt zu Futter. Mehr nicht. Seine grundsätzliche Skepsis gegenüber Reizen bleibt bestehen.

Denn das bedeutet noch lange nicht, dass der Auslöser für ihn emotional sicherer geworden ist.

Das merkt man oft erst, wenn der Abstand kleiner wird. Auf große Entfernung klappt es noch, aber bei 50 Metern, 20 Metern oder in einer engeren Situation wird plötzlich alles wieder unsicher. Manchmal weitet sich diese Unsicherheit sogar auf weitere Reize aus. Dann ist nicht mehr nur der andere Hund schwierig, sondern vielleicht auch ein Mensch, der frontal entgegenkommt, ein Fahrrad, eine enge Wegsituation oder jede Bewegung in Richtung Hund.


Für Halter fühlt sich das dann schnell so an, als sei positives Training gescheitert. Schließlich wurde ja mit Futter gearbeitet und trotzdem wird es schlimmer. Tatsächlich zeigt der Hund aber etwas anderes: Der Auslöser ist in dieser Nähe weiterhin unangenehm. Auf größerer Distanz kann der Hund vielleicht noch fressen, aber das macht den Auslöser nicht automatisch angenehm.

Der entscheidende Punkt ist: Der funktionale Verstärker wurde nicht ausreichend berücksichtigt.


Warum Abstand oft wichtiger ist als Futter

Wenn ein Hund einen Auslöser wahrnimmt, sich abwenden darf und dadurch Erleichterung erlebt, lernt er etwas sehr Wichtiges: Ich muss nicht bellen, springen oder nach vorne gehen, um Raum zu bekommen. Ich kann mich lösen. Ich kann mit meinem Menschen weggehen. Meine Kommunikation wird verstanden.

Genau hier sollten wir ansetzen.


Viele Hunde zeigen schon sehr früh, dass ihnen eine Situation zu nah wird. Sie schnüffeln plötzlich am Boden, schauen zögernd hin, wenden den Kopf ab, bleiben stehen, werden langsamer oder suchen mehr Distanz. Wenn wir diese feinen Signale von Anfang an beachten, soweit es im Alltag möglich ist, entsteht oft gar nicht erst der Hund, der an der Leine brüllt.


Wenn der Hund in einer Situation eigentlich Abstand braucht, führen sogar mehr oder bessere Leckerchen oft zu nichts. Manchmal führen sie sogar zu mehr Aufregung und hektischem Fressen, weil der belastende Reiz immer noch da ist. Dann fügen wir keinen wirklich passenden Verstärker hinzu, sondern nur ein zusätzliches Verhalten: Essen.

So entsteht schnell die Kette:

Der Hund sieht den Trigger, nimmt Futter und bleibt trotzdem unsicher.


Darum ist die Reihenfolge so wichtig.

Sinnvoller ist: Der Hund nimmt den Auslöser wahr, geht mit seinem Menschen auf Abstand und bekommt danach Futter. Dann wird Futter nicht benutzt, um den Hund in einer schwierigen Situation festzuhalten. Es unterstützt stattdessen eine sichere Strategie.

Der Hund lernt: Wahrnehmen, lösen, Abstand gewinnen, wieder ansprechbar werden.

Das ist kein Rückschritt. Abstand bedeutet auch nicht, dass der Hund nichts lernt oder nur vermeidet. Ein Hund kann durch Abstand sehr viel lernen. Er lernt Kontrolle. Er lernt, dass seine Kommunikation Sinn hat. Er lernt, dass sein Mensch ihn versteht. Und er lernt ein anderes Verhalten, bevor er eskalieren muss.


Hier gilt noch hinzuzufügen, dass der Hund diese Emotionen wie an der Leine bellen nicht regelmäßig zeigt, zum Beispiel im Urlaub in fremder Umgebung, wird es erst wieder dauern, bis er sich traut zu sagen, da fühle ich mich nicht wohl, siehst du das nicht. Er wird es auch nicht zeigen, wenn er mit Fremden oder nicht so starken Vertrauenspersonen unterwegs ist. Das ist aber kein Zeichen von er kann es doch anders oder das die andere Person sich besser durchsetzen kann, sondern genau das Gegenteil. Die Furcht in Begegnungen ist immer noch da. Das ist der gleich Effekt, dass Tierschutzhund anfangs immer brav erscheinen und dann erst nach 2 Wochen an der Leine reaktiv bellen. Das ist kein Rückschritt sondern normal und zeigt, dass der Hund ankommt. Jedoch hier und bei Welpen ist es wichtig damit zu rechnen und vorzubeugen.


Warum Vorbeugung so wichtig ist

Hunde müssen nicht allem Möglichen ausgesetzt werden, nur damit sie es kennenlernen. Gerade Welpen, Tierschutzhunde und junge Hunde brauchen nicht möglichst viele direkte Kontakte, enge Begegnungen oder Situationen, in denen sie irgendwie durchhalten müssen.

Sie brauchen zuerst Sicherheit. Sie brauchen die Möglichkeit, zu beobachten. Sie brauchen Abstand. Und sie brauchen Menschen, die ihre Signale ernst nehmen.


Wenn Hunde immer wieder in Situationen gebracht werden, in denen ihre Individualdistanz unterschritten wird, und erst eingegriffen wird, wenn sie bellen, schnappen, flüchten oder sich deutlich wehren, lernen sie unter Umständen genau das: Erst Eskalation beendet die unangenehme Situation.

Wenn ein Hund also bellt, nach vorne springt oder sich heftig wehrt und dadurch mehr Abstand entsteht, kann genau dieses Verhalten verstärkt werden. Nicht, weil der Hund dominant ist, sondern weil sein Verhalten funktioniert hat.


Deshalb ist es so wichtig, viel früher zu helfen.

Gerade bei Welpen und jungen Hunden ist die wichtigste Grundlage nicht, alles aushalten zu müssen. Viel wertvoller ist es, gemeinsam zu beobachten, Abstand zu halten, Sicherheit zu erfahren und zu lernen: Mein Mensch sieht mich. Mein Mensch versteht mich. Mein Mensch ist mein sicherer Hafen.


Positives Training ist mehr als Leckerchen

Positives Training bedeutet daher nicht, immer nur Leckerchen direkt am Problem zu geben.

Positives Training bedeutet, den Hund zu verstehen und passende Verstärker zu nutzen. Manchmal ist das Futter. Manchmal ist es Spiel. Manchmal ist es Schnüffeln. Und manchmal ist es Abstand.


Gutes Training braucht außerdem mehr als eine Technik. Es braucht Beziehung, erfüllte Grundbedürfnisse, Verständnis für Hundeverhalten, Ruhe, vorausschauendes Handeln, gesunden Menschenverstand, ein gutes Bauchgefühl und die Akzeptanz, dass ein Hund Emotionen haben darf.


Verhalten hat immer eine Funktion. Deshalb sollten wir im Training nicht nur fragen: Welches Protokoll wenden wir an? Sondern vor allem:

Was war der Auslöser? Welches Verhalten zeigt der Hund wirklich?Und welche Konsequenz wirkt für diesen Hund in diesem Moment tatsächlich verstärkend?

Hunde funktionieren nicht wie Maschinen. Sie sind fühlende Lebewesen, die Sicherheit, Orientierung und Verständnis brauchen.


Wer Leinenreaktivität nachhaltig verändern möchte, sollte deshalb nicht nur am sichtbaren Verhalten arbeiten, sondern am Gefühl dahinter. Denn echte Veränderung entsteht nicht durch Aushalten, Druck oder bloßes Futternehmen in schwierigen Situationen.


Sie entsteht dort, wo der Hund lernt: Ich werde verstanden. Ich habe eine sichere Strategie. Ich muss nicht eskalieren, um Abstand und Sicherheit zu bekommen.


Gerne helfe ich euch dabei.

Andrea Jumpertz

 
 
 

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